molpé

Februar 10, 2008

Zeitschrift für ambulante Metallurgie

Molpé 1, S. 50-57

Als Odysseus die Sirenen passierte, war auf seinem Gesicht eine namenlose Seligkeit, eine stille Einkehrung zu sehen. Im unendlichen Vertrauen auf seine angewandten Mittel versicherte er sich seiner Unsterblichkeit, in deren begehrtem Glanz sein Innerstes nach außen drang. Gleichwohl oszillierte in dieser Spaltung die Kraft, in deren Ausdruck die Sirenen zum Schweigen gebracht wurden. Sie hörten auf zu verführen, gerade weil sie, wie Kafka uns schreibt, das Schweigen Odysseus’ am Mast in die Sprachlosigkeit zog. Einen letzten Abglanz desjenigen erhaschen, der nie mehr Odysseus gewesen sein wird. Jener Tod des Odysseus, der in der Erektion seiner selbst gipfelt, beschließt zugleich den Tod der Sirenen, die sich nach dieser seltsamen Passage ins Meer stürzen. Das scheint uns eine einzigartige Schwelle zu markieren, auf der das Denken seine Funktion ändert und dem namenlosen Schrecken eines Zugriffs erliegt. Indem die Sirenen ihren Felsen verlassen, um zu sterben – der Unbezwingbare installiert in seiner Passage einen Apparat der unendlichen Spaltung –, wird es ihnen erst möglich – zu leben. Denn nicht so sehr der Tod ist das Rätsel des Lebens, sondern vielmehr das Ereignis des Lebens selbst, die Geburt der Differenz. Der Gesang der Sirenen vollzieht sich dann nicht mehr im Namen eines anderen, sondern löst sich auf im Rauschen des Meeres. Nicht um endlich sie selbst zu sein, in ihrem eigenen Namen die Geschichte nochmals zu erzählen, sterben sie, sondern eher um etwas aufzulösen, sich aufzulösen, um einen völlig anderen Typus von Gesang zu erfinden, der in seiner unerfindlichen Grausamkeit jede Ebene, jedes Innen mit sich wegrisse. (Weiterlesen als PDF)

Eine Antwort hinterlassen