Molpé 1, S. 18-27

Es ist geschehen, an einem lauen Frühlingsnachmittag im Jahre 1808, dass auf einem Hügel bei Weimar sich zwei Dichter trafen, gerade in der Zeit des großen Aufbegehrens der spanischen Guerilla gegen die französische Besatzung, und so standen sie, der eine an den anderen gelehnt, um sich zu schießen.Doch was ist passiert? Was kann nur geschehen sein? Und selbst wenn nichts geschehen ist, was ist dieses Nichts, durch das etwas passiert ist? Jede Novelle hat eine fundamentale Beziehung zum Geheimnis, kein geheimes Objekt, das zu entdecken wäre, sondern eine Beziehung zur Form des Geheimnisses, die undurchdringlich bleibt. Und außerdem inszeniert die Novelle Stellungen von Körper und Geist, die wie Falten oder Hüllen sind. Stellungen, die an der Kreuzung von gewissen Linien entstehen. Dabei handelt es sich nicht nur um die Linien der Schrift, denn diese verbinden sich mit anderen Linien, Lebenslinien, Glücks- und Unglückslinien, Linien, die eine Variation der Schriftlinie bilden, Linien, die zwischen den geschriebenen Linien stehen.

Kleist, Rücken an Rücken mit Goethe, flüstert diesem zu: »Ich bin in der Überzahl! Ich bin die Milliarden! Ich werde dir den Kranz von der Stirne reißen!« Daraufhin wütet Goethe gegen Kleist: »Du Naturverfallener! Die verfluchte Unnatur!« Und sich beruhigend fährt er fort: »Du erregst mir Schauder und Abscheu. Du bist wie eine unheilbare Krankheit, die meinen von der Natur aus schön intentionierten Körper ergreift.«

Was kann nur geschehen sein, dass es soweit kommen konnte? (Weiterlesen als PDF)

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